Was hat sich 2024 geaendert? Die BGB-Reform im Ueberblick

Seit dem 1. April 2024 gilt: Vermieter duerfen die Installation eines Balkonkraftwerks ihren Mietern in der Regel nicht mehr verweigern. Der Gesetzgeber hat § 554 BGB ("Privilegierte Massnahmen") erweitert und steckerfertige Photovoltaikanlagen (Balkonkraftwerke) ausdrucklich in den Katalog der baulichen Veraenderungen aufgenommen, die Mieter verlangen koennen.

Das bedeutet konkret: Ein Mieter, der ein Balkonkraftwerk installieren moechte, kann das von Ihnen verlangen -- und Sie muessen zustimmen, sofern keine ernsthaften Sachgruende dagegensprechen.

Auf einen Blick: Neue Rechtslage seit April 2024

  • Balkonkraftwerke sind "privilegierte Massnahmen" nach § 554 BGB
  • Vermieter muessen im Regelfall zustimmen
  • Bedingungen duerfen gestellt werden (Art der Befestigung, Versicherung etc.)
  • Willkuerliche Verweigerung ist nicht mehr zulaessig
  • Mieter hat Rueckbaupflicht bei Auszug

Was ist ein Balkonkraftwerk ueberhaupt?

Ein Balkonkraftwerk (auch Steckersolar-Anlage, Mini-PV-Anlage oder Guerilla-Solar genannt) ist eine kleine Photovoltaikanlage mit typischerweise 600 bis 2.000 Watt peak (Wp) Leistung. Sie wird am Balkon, an der Terrasse, an Fassaden oder auf dem Dach befestigt und erzeugt Strom, der direkt ueber eine handelsuebliche Steckdose ins Hausnetz eingespeist wird.

Seit 2024 gelten in Deutschland vereinfachte Regeln: Die Anmeldepflicht beim Netzbetreiber ist vereinfacht worden, die Leistungsgrenze wurde auf 800 Wp Wechselrichterausgangsleistung angehoben, und Schuko-Stecker sind unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Muss ich als Vermieter zustimmen?

In den meisten Faellen: Ja. § 554 BGB gibt dem Mieter seit 2024 das Recht, privilegierte Massnahmen zu verlangen -- darunter ausdruecklich steckerfertige Photovoltaikanlagen. Das Gesetz sagt jedoch auch: Die Zustimmung kann unter Bedingungen erteilt werden, und eine Verweigerung ist moeglich, wenn ernsthafte Sachgruende vorliegen.

Gruende, die eine Verweigerung zulaessig machen:

  • Statische Probleme: Die Befestigung wuerde das Gebaeude strukturell beschaedigen oder ueberlasten
  • Denkmalschutz: Das Gebaeude steht unter Denkmalschutz und die Behoerde verbietet die Anlage
  • Gemeinschaftseigentum bei WEG: Bei Eigentuemergemeinschaften brauchen Sie zusaetzlich den Beschluss der WEG
  • Sicherheitsrisiken: Nachweisliche Brandgefahr durch fehlerhafte Elektroinstallation

Gruende, die KEINE ausreichende Verweigerung begruenden:

  • Es stoert Sie aesthetisch
  • Sie wollen grundsaetzlich keine Veraenderungen am Gebaeude
  • Der Mieter fragt nur muendlich (er muss schriftlich anfragen)
  • Sie sind unsicher, ob das Anlagen-Modell normgerecht ist

Wichtig: Beweislast beim Vermieter

Wenn Sie verweigern, muessen SIE beweisen, dass ein ernsthafter Sachgrund vorliegt. Im Zweifel haben Sie als Vermieter das Nachsehen -- besonders nach der Gesetzesaenderung 2024.

Welche Bedingungen darf ich als Vermieter stellen?

Auch wenn Sie zustimmen muessen, haben Sie als Vermieter das Recht, vernuenftige Bedingungen zu stellen. Das ist ausdruecklich vom Gesetz vorgesehen. Zulaessige Bedingungen:

BedingungZulaessig?Hinweis
Fachkundige Montage vorschreibenJaZ.B. durch Elektriker oder zertifizierten Betrieb
Bestimmte Befestigungsart vorgebenJaZ.B. kein Bohren ins Mauerwerk, nur Klemmbefestigung am Balkongelaender
Nachweis einer HaftpflichtversicherungJaMieter-Privathaftpflicht oder separate Police verlangt werden
Rueckbaupflicht bei AuszugJaGesetzlich ohnehin vorgesehen (§ 554 Abs. 4 BGB)
VDE-Norm-Konformitaet nachweisenJaVDE-AR-N 4105 / DIN VDE 0100-551
Absolutes Verbot ohne SachgrundNeinVerstosst gegen § 554 BGB
Kostenerstattung fuer Pruefung verlangenBegrenztNur wenn tatsaechliche Kosten entstanden sind

Schritt-fuer-Schritt: So gehen Sie als Vermieter richtig vor

Wenn ein Mieter Sie nach einem Balkonkraftwerk fragt, sollten Sie strukturiert vorgehen -- weder reflexartig verweigern noch unkritisch zustimmen.

  1. Schriftliche Anfrage verlangen: Bevor Sie irgendetwas entscheiden, fordern Sie den Mieter auf, eine schriftliche Anfrage mit technischen Details (Modell, Leistung, geplante Befestigung, Anbieter/Installateur) zu stellen. Muendliche Anfragen reichen nicht -- und ohne vollstaendige Informationen koennen Sie nicht sachgemaess entscheiden.
  2. Pruefung: Statik + Denkmalschutz: Pruefen Sie, ob das Gebaeude statische Einschraenkungen hat oder unter Denkmalschutz steht. Bei WEG-Gemeinschaft: WEG-Beschluss einholen.
  3. Bedingungen formulieren: Formulieren Sie Ihre Zustimmung schriftlich mit konkreten Bedingungen (Befestigungsart, Fachbetrieb, Versicherungsnachweis, Rueckbaupflicht).
  4. Frist einhalten: Antworten Sie innerhalb einer angemessenen Frist (typisch: 4-8 Wochen). Zu langes Zoegern gilt als stillschweigende Verweigerung und kann rechtliche Schritte des Mieters ausloesen.
  5. Zustimmung schriftlich erteilen: Halten Sie die Einigung schriftlich fest -- als Ergaenzungsvereinbarung zum Mietvertrag. Das schuetzt Sie bei einem Mieterwechsel.
  6. Rueckbaupflicht dokumentieren: Notieren Sie die Anlage im Uebergabeprotokoll beim Einzug (Zustand ohne Anlage). So haben Sie beim Auszug einen klaren Vergleichspunkt.

Musterschreiben: Zustimmung mit Bedingungen

Muster-Zustimmung (anpassen!):

Sehr geehrte/r Frau/Herr [Name],

hiermit stimme ich Ihrer Anfrage vom [Datum] zur Installation einer steckerfertigen Photovoltaikanlage (Balkonkraftwerk) an der Mietwohnung [Adresse] unter folgenden Bedingungen zu:

  1. Die Montage erfolgt ausschliesslich durch einen zugelassenen Elektrobetrieb.
  2. Als Befestigung ist nur eine schraubenlose Klemmbefestigung am Balkongelaender zulaessig. Ein Eindringen ins Mauerwerk ist nicht gestattet.
  3. Die Anlage muss den Anforderungen der DIN VDE 0100-551 und VDE-AR-N 4105 entsprechen. Ein entsprechender Nachweis ist mir vor Inbetriebnahme vorzulegen.
  4. Vor Inbetriebnahme ist mir ein aktueller Nachweis einer Haftpflichtversicherung vorzulegen, die Schaeden durch die Anlage abdeckt.
  5. Bei Beendigung des Mietverhaeltnisses ist die Anlage vollstaendig zu entfernen und der urspruengliche Zustand wiederherzustellen.

Mit freundlichen Gruessen

[Ihr Name]

Versicherung: Wer haftet fuer Schaeden?

Versicherungsrechtlich ist die Situation wichtig zu verstehen:

  • Mieter-Privathaftpflicht: Deckt in der Regel Schaeden durch die Anlage ab, die Dritten entstehen (z.B. Feuer durch Kabeldefekt schaedigt Nachbarwohnung). Mieter sollte pruefen, ob die Anlage eingeschlossen ist.
  • Gebaeudeversicherung: Als Vermieter sollten Sie Ihre Gebaeudeversicherung informieren, dass im Gebaeude Balkonkraftwerke installiert sind. Manche Versicherer verlangen eine Mitteilung; verschweigen Sie es, riskieren Sie im Schadensfall Leistungsminderung.
  • Keine Kostenpflicht des Vermieters: Die Kosten fuer Anlage, Installation, Versicherung und Rueckbau traegt vollstaendig der Mieter.

Sonderfall WEG: Was gilt fuer Wohneigentuemer-Gemeinschaften?

Wenn Sie als Wohnungseigentuemer vermieten, benoetigen Sie -- unabhaengig von Ihrer eigenen Zustimmung -- auch einen WEG-Beschluss, der die Installation erlaubt. Seit der WEG-Reform 2020 haben einzelne Eigentuemer zwar das Recht, privilegierte Massnahmen zu verlangen (§ 20 WEG), aber die WEG muss darueber beschliessen.

Praktisch bedeutet das: Sie stimmen dem Mieter dem Grunde nach zu, muessen aber gleichzeitig beantragen, dass die naechste Eigentuememerversammlung einen Beschluss fasst. Das koennen je nach Einberufungsfrist mehrere Wochen dauern -- kommunizieren Sie das transparent mit Ihrem Mieter.

Checkliste fuer Vermieter: Balkonkraftwerk richtig handhaben

  • +Schriftliche Anfrage mit technischen Details einfordern (vor jeder Entscheidung)
  • +Statik + Denkmalschutz + WEG-Status pruefen
  • +Gebaeudeversicherung informieren (Risikoaenderung melden)
  • +Schriftliche Zustimmung mit Bedingungen erteilen (kein muendliches Ja)
  • +VDE-Konformitaetsnachweis vor Inbetriebnahme verlangen
  • +Haftpflichtversicherungsnachweis des Mieters anfordern und kopieren
  • +Anlage + Befestigungsart im Uebergabeprotokoll dokumentieren
  • +Rueckbaupflicht bei Auszug schriftlich vereinbaren
  • +Bei WEG: Beschluss der Eigentuememerversammlung einholen

Haeufige Fehler von Vermietern

FehlerKonsequenz
Pauschale Verweigerung ohne SachgrundMieter kann Genehmigung gerichtlich erzwingen
Muendliche Zustimmung ohne BedingungenKein Schutz bei Schaeden oder Auszug
Keine Rueckbaupflicht vereinbartAnlage bleibt beim Auszug -- Kosten traegt dann der Vermieter
Gebaeudeversicherung nicht informiertMoegliche Leistungsminderung im Schadensfall
Kein VDE-Nachweis verlangtHaftungsrisiko bei Elektrounfall
WEG-Beschluss vergessenZustimmung ist gegenueber der WEG unwirksam

FAQ: Haeufige Fragen von Vermietern

Darf ich eine monatliche Gebuehr fuer das Balkonkraftwerk verlangen?

Nein. Eine Sondergebuehr allein fuer die Genehmigung des Balkonkraftwerks ist nicht zulaessig. Sie koennen aber tatsaechliche Kosten (z.B. fuer die Pruefung der Statik durch einen Gutachter) in Rechnung stellen, sofern diese nachweisbar anfallen.

Was passiert, wenn der Mieter das Balkonkraftwerk ohne Erlaubnis installiert?

Dann liegt eine eigenmachtige Veraenderung vor. Sie koennen den Rueckbau verlangen. Bei wiederholter Verweigerung kann das eine Abmahnung und im Extremfall eine Kuendigung begruenden -- allerdings ist die Schwelle hoch, da der Gesetzgeber Balkonkraftwerke ausdruecklich privilegiert hat. Besser: zuerst das Gespraech suchen und nachtraegliche Genehmigung mit Bedingungen erteilen.

Gilt die Regelung auch fuer Einfamilienhaeuser und Mehrfamilienhaeuser?

Ja, § 554 BGB gilt fuer alle Mietverhaeltnisse ueber Wohnraum -- unabhaengig vom Gebaeudetyp. Besonderheiten gibt es nur bei WEG-Gemeinschaften (WEG-Beschluss noetig) und bei Denkmalschutzobjekten (behoerdliche Genehmigung vorrangig).

Kann ich verlangen, dass das Balkonkraftwerk in mein Eigentum uebergeht?

Nein. Die Anlage gehoert dem Mieter. Er kann und muss sie beim Auszug mitnehmen (Rueckbaupflicht). Eine Vereinbarung, dass die Anlage beim Auszug in Ihr Eigentum uebergeht, waere moeglich, sofern der Mieter dem zustimmt -- aber erzwingen koennen Sie das nicht.

Erhoehe ich meinen Strombedarf durch das Balkonkraftwerk des Mieters?

Nein. Das Balkonkraftwerk speist Strom direkt in die Wohnung des Mieters ein und reduziert dessen Netzbezug. Es hat keinen Einfluss auf Ihren eigenen Stromverbrauch oder auf den Gemeinschaftsstrom (ausser die Anlage ist ausdruecklich dafuer konzipiert und es liegt eine entsprechende Vereinbarung vor, was bei Balkonkraftwerken untypisch ist).

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